Dauerbrenner

Ein Vierteljahrhundert lang vermarktete Schlüter den Super 1250 in verschiedenen Evolutionsstufen. Wir nehmen die erste Ausführung unter die Lupe: den von 1968 bis 1973 gebauten Super 1250 V. Von Klaus Tietgens

Fest im Sattel – genauer gesagt: im Farmer-Clubsessel – seines Schlüter Super 1250 V, gibt Michael Pfeiffer dem historischen Großschlepper die Sporen. Mit rauer Stimme brummt der Sechszylindermotor das Lied von unbändiger Kraft, die Lenkradschaltung verlangt nach einer kleinen Verbeugung und einer kundigen Hand, hinterlässt dafür aber einen – abgesehen vom flachen Aufsatz auf dem Getriebedeckel – aufgeräumten Fußraum. Die recht leichtgängige und direkte Servolenkung vermittelt dem Fahrer den überraschenden Eindruck, ein handliches Gefährt zu bewegen, und die lange, aber schlanke und niedrige Motorhaube behindert den Ausblick nur in geringem Maße. Genau dieser Ausblick stimmt uns nachdenklich. Unsere Augen schweifen über rund 275 Hektar Weinberge, eingebettet zwischen dem hinter altem Baumbestand hervorlugenden Kloster Jakobsberg, dem Gau-Algesheimer Kopf und Vater Rhein.

Gulliver in Liliput
Ein Standardschlepper im Weinberg? Für Kenner der Materie nicht befremdlich. Gelegentlich verirren sich gar Lohnunternehmer mit gestandenen 300-PS-Boliden hier hinauf, um Dünger zu verteilen oder mit Spatenmaschinen Neuanlagen vorzubereiten (siehe auch Traktor Classic 4/2011). Michael Pfeiffer ist jedoch Winzer im eigenen Weingut – und in dessen Fuhrpark erwartet man allenfalls zierliche Schmalspurschlepper.

Arbeit und Vergnügen
Wie fand also ein Schlüter seinen Weg in den Pfeifferschen Fuhrpark? Genaugenommen sind es sogar drei starke Freisinger. Den Anfang machte ein Compact
1250 TV6 von 1986, den Michael und sein inzwischen leider verstorbener Vater Hans vor achteinhalb Jahren auf dem Hof einer Lackierwerkstatt fanden und nach kurzer Überzeugungsarbeit vom damaligen Eigner erwerben konnten. Diesen hatten sie dazu auserkoren, ihren MF 374 S vor dem Traubenwagen abzulösen. Dabei waren die fast doppelt so hohe Leistung (120 gegenüber 62 PS) und die Höchstgeschwindigkeit von 40 gegenüber 30 Kilometern pro Stunde weniger entscheidend als die rundum geschlossene Kabine, die Transportfahrten an zugigen Herbsttagen sehr viel angenehmer gestaltet als der offene Fahrerstand des Plantagenschleppers.
Der erfolgreich genährte „Schlüter-Virus“ manifestierte sich bald in weiterem Familienzuwachs. Ein 1991 gebauter Euro Trac 1600 LS erschien Vater und Sohn zunächst als zu teuer, doch wenige Wochen nach der ersten Kontaktaufnahme meldete sich der Verkäufer erneut und nannte ihnen den Preis, für den der Händler seines Vertrauens den Schlüter in Zahlung nehmen wollte. Diesen Kurs hielten auch die Pfeiffers für angemessen, und seitdem darf der 160-PS-Schlepper sein Können gelegentlich vor dem Grubber beweisen.

Open Air
Nötig wäre das beileibe nicht, und so erscheint es beinahe folgerichtig, dass die Pfeiffers ihre aus Compact und Euro Trac bestehende Schlüter-Sammlung noch immer nicht für komplett erachteten. Da ihre beiden Schlepper von MAN-Motoren angetrieben wurden, trachteten sie danach, diesen ein Exemplar mit dem klassischen Schlüter-Motor zur Seite zu stellen.
Neben mindestens sechs Zylindern stand für dieses definitive Hobbyfahrzeug ein offener Fahrerplatz ohne Umsturzbügel und erst recht ohne die charakteristische Traktomobil-Kabine ganz oben auf der Wunschliste. Diese Konfiguration war – inklusive der von Pfeiffers bevorzugten runden Kotflügel – bis Ende 1969 Serienstandard. Rund 1.500 Sechszylinder-Schlepper konnte Schlüter bis dahin absetzen, doch die Suche nach einem brauchbaren Exemplar gestaltete sich fast vier Jahrzehnte später keineswegs als leichtes Unterfangen. Zu viele Schlepper hatten bereits in den Hallen passionierter Sammler einen festen Wohnsitz gefunden, zu viele waren vom harten Arbeitseinsatz aufgerieben worden.

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Fotos: K. Tietgens
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