Aus Freude am Schalten

Am schnell laufenden Mercedes-Motor des Fahr D 177 und dessen Fahr­verhalten scheiden sich die Geister. Gleichwohl waren D 177 und D 177 S die Flaggschiffe von Fahr, für die sich 7.569 Käufer entschieden. Von Peter Böhlke

Sie interessieren sich für traditionelle Schlepper in Blockbauweise und mit langsam drehenden Motoren? Dann könnte Sie diese Geschichte aufregen: Der mit hoch­tourigem Daimler-Benz-Motor ausgestattete Fahr D 177 ist ein modern anmutender, außergewöhnlicher Allzweckschlepper in Halbrahmenbauweise.
Die Geschichte beginnt draußen auf dem Acker, an der Landstraße von Bietingen nach Gottmadingen. Dem Fahr D 177 S reicht das Gras bis zur Motorhaube, während er mit einem Zwei-Schar-Pflug Raps einpflügt (siehe Bilder Seite 44/45). Das Geräusch des Diesels hört sich an wie schneller Techno. Oder wie ein Pressluftbohrer mit einem Schalldämpfer aus Hartgummi. Klar, der muss noch erfunden werden. Genauso wie eine Sound-Beschreibung des D 177 S. Der rote Schlepper fährt außergewöhnlich flott.  Er ist mit Frontlader und einem originalen Leichtverdeck ausgestattet. Auf dem Betrieb von Gerhard Hirt ist der 177 S der Hof- und Feldschlepper.
„Der D 177 S war der Technik 50 Jahre voraus“, erklärt Dieter Rath. Der 59-Jährige ist ebenfalls Besitzer eines D 177 S, ohne Frontlader und ohne Verdeck: „Der Schlepper besticht durch seine moderne Charakteristik und seine klassischen Linien. Dem Vierzylinder könnte ich ständig zuhören!“ Früher fuhr der Mühlhausener in der Landwirtschaft einen Kramer. Die Funktionalität der Fahr-Schlepper fasziniert den selbstständigen Motorentechniker: „Alles ist passend angerichtet.“ Fahr-Schlepper besitzt Dieter Rath seit
20 Jahren. Seit damals ist er mit den Gründern der Fahr-IG befreundet, dem Vorläufer des heutigen Vereins Fahr-Schlepper-Freunde e.V.
 
Motor: Daimler-Benz

Vor 50 Jahren waren die meisten Schlepper mit Motoren ausgestattet, deren Nenndrehzahl bei etwa 2.000 Umdrehungen pro Minute lag. Ihren Drehmoment holten sie aus den Kellern ihrer großvolumigen Hubräume. Die Boliden der Gegenwart drehen kaum schneller, erzielen ihre Leistung jedoch aus vergleichsweise kleinen Hubräumen turbogeladener Motoren. Die Maschine des D 177 hat zwar keinen Turbo, aber sie übersetzt Leistung als Produkt aus Drehmoment und Drehzahl. Der Diesel hat einen Hubraum von 1.767 Kubikzentimetern. Seine höchste Leistung von 34 PS liefert der Vierzylinder-Reihenmotor bei 3.000 Umdrehungen pro Minute. Damit ist das verfügbare Drehzahlband um ungefähr 50 Prozent größer als bei den traditionellen Schleppern.

Die hohen Drehzahlen sind der Herkunft des Motors geschuldet. Der OM 636 lief in den Personenwagen und Transportern von Mercedes-Benz mit bis zu 43 PS bei 3.500 Umdrehungen pro Minute. Deren Fahrer schwärmten von Laufleistungen über 500.000 Kilometer. Mit Nenndrehzahlen von 2.350 bis 3.000 U/min arbeitete er im Unimog. In ähnlicher Konfiguration schlagzeugt er auch im Fahr D 177. Schleppermotoren hatten die Gottmadinger immer zugekauft, bei Deutz, MWM und Güldner. Ende der 50er-Jahre verband Fahr und Güldner eine Produktionsgemeinschaft. Fahr baute die Schlepper jenseits der 20 PS, Güldner die Schlepper bis 20 PS. Danach schickte jeder das vereinbarte Kontingent an Schleppern zum Kooperationspartner, der sie dann unter seinem Markennamen auslieferte. Lediglich Lackierung, Zubehör, Vorderachse sowie das Design von Motorhaube und Frontmaske unterschieden die Schlepper voneinander. Die Motoren lieferte Güldner. Genau in jener Zeit jedoch fehlte den Aschaffenburgern ein zeitgemäßer Motor in der Klasse über 30 PS. Bis 1957 hatten sie den 35-PS-Zweizylinder  2FN für ihr Topmodell AFN gebaut. Ein Motor mit viel Druck von unten, aber auch ein rauer Geselle. Als mit dem AFN der 2FN-Motor auslief, stand Güldner mit leeren Händen da.
Warum dem Werk dieser Planungsfehler unterlief, weiß heute niemand mehr. Aber es darf spekuliert werden: Ging Güldner davon aus, dass Fahr im Zuge des Kooperationsvertrags bald auch die Motoren jenseits der 20 PS bauen werde? Das wäre trotz der bisherigen Einkaufspraxis der Gottmadinger gar nicht abwegig. Fahr fertigte schließlich in der werkseigenen Gießerei Komponenten für Motoren anderer Hersteller. So ist auf originalen Kipphebeln der Mercedes-SL-300-Motoren auch heute noch der eingestanzte Herstellername „Fahr“ zu lesen.

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Fotos: M. und P. Böhlke
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