Reich der Mitte

Zu den größten Erfolgen der Firma Kramer gehört der 1960 vorgestellte KL 300. Mit dem zunächst 28 PS starken Schlepper perfektio­nierte der im Badischen beheimatete Her­steller seine Kompetenz in der Mittelklasse. Von Peter Böhlke

Mein Schwiegervater hat ihn auf den Hof gebracht, als er seinen Betrieb einstellte. Für seine sieben Hektar war der KL 300 genau richtig. Mir hätte er nicht gereicht!“, lacht Hermann Meyer. Für seinen 46-Hektar-Betrieb sind 28 PS zu wenig, damals wie heute. Vor 13 Jahren kam der KL300 zum Landwirt aus dem niedersächsischen Bassum, wo er seitdem gut gepflegt für ausgewählte Arbeiten zur Verfügung steht.

Die Kramer-Geschichte kompakt
Der Schlepperhersteller Kramer aus Baden zählte zu den Pionieren der Branche. Die Brüder Kramer und ihr Vater bauten 1925 den ersten selbstfahrenden Mäher in Deutschland. In den Folgejahren entstand ihr Ruf, herausragende Kleinschlepper zu bauen. Preiswert waren sie obendrein. Bereits ab 1933 fertigte Kramer am Fließband. Getragen vom Erfolg der kleinen Typen, vernachlässigte man die in den 60er-Jahren zunehmend gefragten oberen Leistungsklassen. Als man 1967 endlich technisch anspruchsvolle Großschlepper präsentierte, hatten die Konkurrenten den Markt bereits unter sich aufgeteilt. Kramer zog sich in der ersten Hälfte der 70er-Jahre aus dem Schleppergeschäft zurück, kurz nach Güldner und der Hanomag. Während die Aschaffenburger ­danach ihre Kompetenz in der Hydraulik-Technik nutzten, baute Kramer wie die Hanomag auf sein Know-how im Baumaschinengeschäft und konzentrierte sich auf Radlader. Aber soweit ist es noch nicht, als der KL 300 auf den Markt kommt.

15 Hektar sind die richtige Größe
In den 50er-Jahren wird in Westdeutschland die durchschnittliche Nutzfläche eines Hofes mit sieben Hektar beziffert. Gleichzeitig kommt ein Schlepper auf 34 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche. Es gibt in jener Zeit immer noch Höfe, die nicht motorisiert sind. Auf denen Pferde und Ochsen alles schleppen müssen. Dort liegt die Nische für Traktorenhersteller wie Kramer. Hermann Meyer schätzt, dass der KL 300 auf Höfen bis 15 Hektar genau richtig gewesen ist. „Bei meinem Schwiegervater hat der Schlepper alles gemacht“, erinnert sich der 64-jährige Niedersachse. Der KL 300 habe Dünger gestreut, Gras gemäht, Heu gemacht, gewendet, gepflügt, gepflegt und geschleppt. Als Hermann Meyer den KL 300 von seinem Schwiegervater übernimmt, ist der Schlepper in einem guten technischen Zustand. Nur optisch lässt er ihn auffrischen.

Er zerlegt den Schlepper, lässt die Teile lackieren und baut ihn wieder zusammen. 36 Jahre hat der KL 300 bis dahin auf dem gleichen Hof gedient. Im September 1962 bestellte Schwiegervater den Schlepper. Eine Woche dauerte der Transport mit der Bahn aus Baden-Württemberg bis in die Nähe von Bremen. Am 20. Oktober nahm Schwiegervater Johann Cohrs den Schlepper in Empfang. All das geht aus dem originalen Lieferschein hervor. Den besorgte Wilfried Michel. Der Kraftfahrzeugmeister hat mit seinem Ersatzteil-Service in Edertal-Anraff die Ersatzteilversorgung für die Schlepper von Kramer übernommen. Er hat Zugriff auf das Firmenarchiv. Verschiedene Teile lässt der Familienbetrieb nachfertigen.

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Kramer KL 300
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